Dienstag, 31. Oktober 2017

Die Nabelschnur zur Welt


In der kurdischen Kultur ist es Tradition, dass wenn ein Kind geboren wird, der Nabelschnurrest dort hingeworfen wird, wo das Kind sich später am wohlsten fühlen soll. Das wäre entweder das eigene Zuhause oder bspw. im Krankenhaus, damit aus dem Kind, später ein Arzt wird. Ich habe das Gefühl, dass meine Eltern mein Nabelschnurrest irgendwo an einem Bahnhof weggeworfen haben. Denn dort halte ich mich gefühlt am Meisten auf.

Abgesehen davon, bin ich auch ein Magnet für sehr schräge Menschen. Während ich darauf wartet, dass mein Zug endlich kommt, sprach mich eine junge Frau an. Sie wollte wissen, ob ich Feuer habe. Ich gab ihr meine Streichholzschachtel und so kamen wir ins Gespräch. Sie erzählte mir von ihren Problemen und das sie bereits 3 Kinder von 3 verschiedenen Männern hat und in ihrem ganzen Leben keine 3 Monate gearbeitet hat. Das Sprichwort "Alle guten Dinge sind drei", hatte diese Frau scheinbar sehr für sich verinnerlicht.


Ich muss an dem Tag wie eine Psychologin ausgesehen haben, denn anders kann ich es mir nicht erklären, warum mir eine wildfremde Frau, die persönlichsten Dinge anvertraut hat. Sie erzählte mir (sehr detailliert) von ihrer schmerzhaften Geburt, ihrem arabischen Exfreund und dass sie ein schlechtes Verhältnis zu ihrer Mutter hat, da sie schon immer rebellisch war. Aber was mich wirklich verwunderte ist, dass sie nicht einmal irgendwas über mich wissen wollte. Das erlebe ich nicht oft. War das die pure Toleranz, die mir latent primitiv in die Augen blicke? Ich ertappte mich dabei, wie ich sie um ihre Naivität beneidete.

Irgendwann kam der Zug und die Frau saß sich links neben mir hin. Der nächste zwielichtige Typ ging durch den Zug. Er gibt auf und ab, dabei rief er ständig "Merkel ist schuld, Merkel ist schuld - Wir schaffen das, hat die Alte gesagt." Ich fand das herrlich, denn alle Blicke waren auf ihn gerichtet - Bis zu dem Moment, als er sich rechts neben mir hinsetzte.

"Wir Deutsche haben doch nichts mehr in Deutschland zu sagen." Ich nickte wohlwollend, damit er mich weiter unterhält, bevor die Frau auf meiner linken Seite auf die Idee kommt, mir noch mehr über ihr Privatleben zu berichten.

Der Typ machte weiter und war überzeugt, dass ich auf gar keinen Fall einen Migrationshintergrund haben könnte. Schließlich nickte ich ständig und fand einige Theorien, die er von sich gab, gar nicht so verwerflich. Irgendwann kam er zu seinem Schlusssatz und sagte: " Deshalb müssen wir Deutsche zusammenhalten." In diesem Moment musste ich an 2 Dinge denken.

1. Ich muss unbedingt mein Frisör loben. Die Blondierung ist scheinbar so gut gelungen, sodass der Typ dachte, ich sei naturblond und somit bestimmt eine Deutsche.
2. Endlich sagt jemand "wir Deutsche" zu mir. (Nach gerade mal 24 Jahren.)

Und während ich darüber grübelte, begriff ich, dass ich für die Mitte der Gesellschaft, weder ein Inklusionsvordergrund, noch ein Migrationshintergrund habe. Genau deshalb ist es gut, dass es solche Menschen gibt. Damit Menschen wie ich immer zu sich sagen können: "Gut, dass ich nicht so bin." Das muss vermutlich auch die Daseinsberechtigung für solche Sender, wie RTL oder RTL2 sein. Vielleicht erinnerten mich die Zwei auch nur an die guten alten Talkshows, wie Britt, Arabella oder Stefan Raab und seine kleinen Knöpfe am Schreibtisch.

Ich frage mich, ob der Bahnhof vielleicht doch die Nabelschnur zur Welt ist?

Wo glaubt ihr ist eure Schnur?

Wo fühlt ihr euch hinterlassen bzw. liegen lassen?